Archiv zum Thema "Gewalt gegen Kinder"

Polizei-Statistiken zu Gewalt gegen Kinder

Hinschauen kostet nichts


(c) DKSB/Susanne Tessa Müller

(c) DKSB/Susanne Tessa Müller

Eigentlich nehme ich Zahlen nicht so ganz wichtig, weiß ich doch um ihre Begrenztheit. Oft sind sie für meinen Geschmack zu abstrakt und zu nüchtern. Aber kürzlich sind mir beim Nachrichtenhören einige Zahlen doch sehr unter die Haut gegangen. 153 Kinder sind im vergangenen Jahr in Deutschland getötet worden – entweder durch Mord, Tötung oder Körperverletzung. So steht es in der polizeilichen Kriminalstatistik. 4000 Kinder wurden misshandelt und über 13.000 Opfer eines sexuellen Missbrauchs.

Ich beschäftige mich seit über 19 Jahren mit dem Thema „Gewalt gegen Kinder“ und weiß daher, dass zahlreiche Kinder in der einen oder andere Weise von Gewalt betroffen sind. Aber wenn ich die Schicksale der Kinder so kondensiert präsentiert bekomme, bin ich doch immer noch betroffen. Hinzu kommt, dass ich   mir darüber im Klaren bin, dass gerade bei der sexualisierten Gewalt die  tatsächlichen Zahlen sehr viel höher sind als die Statistik vermuten lässt. Denn es ist von einer sehr hohen Dunkelziffer auszugehen. Weiterlesen »

 

„Deutschland misshandelt seine Kinder“: ein Ärgernis

Ein Buch auf Stammtisch-Niveau


DKSB / Susanne Tessa Müller

DKSB / Susanne Tessa Müller

„Deutschland misshandelt seine Kinder“, heißt ein druckfrisches Buch, das ich am Wochenende gelesen habe. Leider, muss ich sagen, denn es hat mir die Laune gründlich verdorben! Auf 254 Seiten schildern Michael Tsokos und Saskia Guddat, wie aus ihrer rechtsmedizinischen Sicht das deutsche Kinder- und Jugendsystem „versagt“.
Natürlich ist das Thema „misshandelte Kinder“ wichtig und schockierend und muss öffentlich diskutiert werden. Das Autorenteam schildert krasse Einzelfälle, aus denen man sicherlich lernen kann. Aber die Jugendhilfe derart pauschal zu verunglimpfen – das empört mich. Das Buch zeichnet ein schwarz-weißes Bild der Wirklichkeit, das einfach so nicht zutrifft. Die Gerichtsmedizin mache sich zu „Anwälten der gepeinigte Kinder“, während alle anderen überfordert oder ohne echtes Interesse wegsehen. Die Fakten werden hier in höchstem Maße platt verdreht und verzerrt. Ärgerlich!

Gerade in Nordrhein-Westfalen arbeiten im Kinderschutz unterschiedliche Berufsgruppen zusammen und sehen sich als „Verantwortungsgemeinschaft“. Natürlich müssen die Standards im Sinne der Kinder noch weiter verbessert werden, keine Frage. Aber das, was das Autorenteam auf Stammtisch-Niveau fordert, gehört hier längst zum Alltag im Kinderschutz. Dieses Buch trägt kaum dazu bei, die unterschiedlichen Berufsgruppen, die mit Kindeswohlgefährdungen zu tun haben, zusammenzubringen. Im Gegenteil: Es macht die Gräben zwischen den Professionen tiefer. Das verschafft den Autoren jede Menge Aufmerksamkeit, hilft den Kindern aber kein Stück weiter.

 

Verfahren gegen Jugendamtsmitarbeiterin im Fall „Anna“ eingestellt

Die Verantwortung liegt auf vielen Schultern


Lupo/pixelio.de

Lupo/pixelio.de

Darüber werden sich sicherlich einige Stammtisch-Runden heftig aufgeregt haben. Der Prozess gegen die Jugendamtsmitarbeiterin im Fall „Anna“ ist eingestellt worden. Das neunjährige Pflegekind war vor rund dreieinhalb Jahren von seiner Pflegemutter misshandelt und getötet worden. Die zuständige Sozialpädagogin beim Jugendamt Königswinter soll ihre Pflichten verletzt und Urkunden manipuliert haben. Ihre Schuld wiegt aber nicht schwer. Deshalb hat sich der zuständige Richter am Landgericht Bonn dazu entscheiden, das Verfahren einzustellen. Die Jugendamtsmitarbeiterin muss jetzt eine Geldbuße von 2000 Euro an eine gemeinnützige Organisation zahlen.
Wirklich nachvollziehbar finde ich das nicht. Wer nicht schuldig ist, braucht eigentlich auch keine Geldbuße zu zahlen. Wirklich tragisch finde ich aber, dass die Zusammenhänge im Jugendamt selbst nicht hinreichend aufgeklärt wurden. Die Mitarbeiterin ist nicht allein verantwortlich, stellte das Gericht fest. Aber gerade das ist der Knackpunkt: Schließlich ist es ja wichtig zu wissen, welche unglücklichen Umstände dazu geführt haben, dass niemand Anna früher aus ihrer Pflegefamilie herausnahm. Was meinen Sie zu dem Fall? Wir sind neugierig auf Ihre Kommentare.

 

Vater aus Mönchengladbach soll Baby fast zu Tode geschüttelt haben

Wohin mit der Wut?


© Erich Kasten/Pixelio.de

Manche Dinge kenne ich in der Theorie sehr gut. Wenn ich ihnen dann aber im wirklichen Leben begegne, bin ich dennoch schockiert. So wie heute Morgen, als ich die Nachrichten gelesen habe. Ein junger Vater in Mönchengladbach soll sein weinendes Baby fast zu Tode geschüttelt haben. Der fünf Monate alte Junge schwebt mit schweren Hirnverletzungen in Lebensgefahr. Über den Fall und die familiären Hintergründe weiß ich nur das, was die Medien vermeldet haben: Der Mann habe sein weinendes Kind nicht beruhigen können, während die Mutter nicht zu Hause war. Als das Kind bewusstlos wurde, hat dann wohl ein Nachbar den Notarzt gerufen. Weiterlesen »

 

WAZ kritisiert das mangelnde Engagement gegen sexuellen Kindesmissbrauch

Die Wahrheit jenseits der Statistik


© DKSB/Susanne Tessa Müller

„Politik versagt im Kampf gegen Kindesmissbrauch“, titelte die WAZ gestern sehr plakativ. Über den Artikel, der auf die Schlagzeile folgt, habe ich mich geärgert. Die Zeitung kritisiert, dass sich trotz Engagement gegen den Kindesmissbrauch in den vergangenen Jahren nichts verändert habe und belegt das mit gleichbleibenden Zahlen der offiziellen NRW-Kriminalstatistik. Die zählt aber lediglich die Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch, die bei der Polizei angezeigt wurden.Die Dunkelziffer in diesem Bereich ist jedoch sehr viel höher, so dass diese Statistik meiner Meinung nur bedingt aussagekräftig ist. Wir wissen aus Untersuchungen, dass insbesondere Missbrauchsfälle im familiären Kontext häufig nicht zur Anzeige gebracht werden. Und es gibt Gründe für und gegen Anzeigen. Das muss im Einzelfall entschieden werden. Weiterlesen »

 

Schockierende Schlagzeilen über die DKSB Vergangenheit

Pädosexuelle und der Kinderschutzbund


© Hans Dieter Volz/pixelio.de

Ich konnte die Meldungen nicht fassen. „Pädophile wollten auch Kinderschutzbund unterwandern“: So oder ähnlich titelten am Sonntag diverse Medien, und ich war wie viele andere wie vor den Kopf geschlagen. Der langjährige DKSB Präsident, Walter Bärsch, war offenbar Gründungsmitglied eines „pädophilenfreundliche“ Arbeitskreises, so die Recherchen eines Göttinger Forscherteams. Und auch die Verbandszeitschrift „Kinderschutz aktuell“ veröffentlichte in einer Ausgabe 1985 Artikel, die für Pädosexualiät warben.

Das kann doch nicht wahr sein – das war bei vielen die erste Reaktion. Und jetzt? DKSB Präsident Heinz Hilgers kündigte eine unabhängige Untersuchung an. Schonungslose Aufklärung: Das ist wohl das Mindeste, was der Verband jetzt tun kann. Denn dass Menschen beim Begriff „Kinderschutzbund“ auch an „Pädophile“ denken, ist unerträglich. Ich finde, dass nach der Untersuchung unbedingt Klartext geredet werden muss. Eins ist aber schon jetzt klar: In den letzten zwei Jahrzehnten hat der DKSB in vielen Veröffentlichungen und Projekten sich klar und deutlich positioniert: Sex mit Kindern ist sexualisierte Gewalt der übelsten Form!

Was meinen Sie? Was ist aus Ihrer Sicht jetzt wichtig – für den DKSB und für möglicherweise betroffenen Kinder und Jugendliche?

 

Sexualisierte Gewalt im Sportverein: ein Beispiel aus dem Rheinland

Wenn das Fußballtraining Bauchschmerzen macht


Rainer Sturm/PIXELIO.de

Umarmungen nach einem gewonnenen Spiel oder einem anderen erfolgreichen Wettkampf sind im Sportverein total normal. Ohne Körperkontakt und anschließendes Duschen ist ein Trainingsalltag kaum denkbar. Für viele Kinder und Jugendliche ist es wichtig, zur Mannschaft zu gehören, und zur Trainerin oder dem Trainer haben sie ein enges Vertrauensverhältnis. Ein idealer Nährboden für eine erfüllte Freizeit und sportliche Erfolge. Diese besondere Nähe birgt auf der anderen Seite aber auch das Risiko für sexuellen Missbrauch.Theoretisch weiß ich das schon lange. Aber erst letzte Woche habe ich wirklich verstanden, was sexualisierte Gewalt im Alltag von Sportvereinen bedeuten kann – und war sprachlos. Ein Fußballtrainer im Rheinland fasst Jungen aus seiner Mannschaft unsittlich an, schaut ihnen beim Duschen zu und macht obszöne Bemerkungen. Er fliegt aus dem Verein und macht bei einem anderen Club in derselben Stadt weiter. Dort zeigen ihn zahlreiche Eltern wegen sexueller Übergriffe an. Er wird strafrechtlich verurteilt; seine Freiheitsstrafe wird allerdings zur Bewährung ausgesetzt. Eine der Bewährungsauflagen lautet: Er darf keinen Zugang zu Kindern bekommen.Dennoch versucht der Trainer weiter, wieder in einem Fußballverein unterzukommen – und schafft es schließlich in einer benachbarten Großstadt.

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Am 30. April ist der "Tag der gewaltfreien Erziehung"

Schläge überzeugen Kinder nicht


© DKSB/Susanne Tessa Müller

Am 30. April wird traditionell der Sommer willkommen geheißen und mit Tanz, Freudenfeuer und Radau die bösen Geister vertrieben. Welch ein schöner Zufall, dass der 30. April auch der Tag der gewaltfreien Erziehung ist. Denn bis es soweit war, das ein Gewaltverbot in der Erziehung gegen Kinder auch gesetzlich respektiert wurde, mussten auch so manche „böse Geister“ und Gewohnheiten vertrieben werden.

Schläge als Mittel zur Erziehung waren über lange Zeit ein gesellschaftlich legitimiertes Mittel der Auseinandersetzung zwischen Erwachsenen und Kindern. Kinder waren keine gleichwertigen Familienmitglieder, sondern „unterstanden“ der alleinigen elterlichen Macht. Diese Ansicht ändert sich glücklicherweise zusehends und Kinder werden in vielen Familien heute als gleichwertige, ernstzunehmende Personen mit eigenem Willen und eigenem Interesse behandelt. Sie werden bei den familiären Entscheidungen beteiligt, ihre Meinung ist wichtig und Auseinandersetzungen und Konflikte werden ausgehandelt. Weiterlesen »

 

Prozessauftakt gegen eine Mutter, deren Baby verhungert und verdurstet war

Wie können wir Vernachlässigung verhindern?


© DKSB/Susanne Tessa Müller

Vielleicht haben Sie es Anfang der Woche in den Nachrichten gesehen oder in der Zeitung gelesen. Am Bonner Landgericht hat ein Prozess gegen eine Mutter begonnen, deren vier Monate alter Säugling 2011 verhungert und verdurstet war. Ihr wird fahrlässige oder vorsätzliche Tötung vorgeworfen. Ein Notarzt hatte das Baby nicht mehr retten können. Es war offenbar mehrere Tage nicht mehr richtig versorgt worden. Solche Meldungen schockieren. Mich auch, obwohl ich schon seit vielen Jahren beim Deutschen Kinderschutzbund im Bereich „Gewalt gegen Kinder“ arbeite. Wenn Kinder nicht genügend zu essen bekommen, kaum Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit, nicht genug Aufsicht und Ansprache, dann sprechen Fachleute von Vernachlässigung. Und die scheint in diesem Fall vorzuliegen. Von außen ist es kaum nachzuvollziehen, was Mütter und Väter dazu bringt, sich nicht um ihre Kinder zu kümmern. Weiterlesen »

 

Meldungen über Gewalt in der Kinderpsychiatrie sind wenig überraschend

Opfer brauchen klare Aussagen – auch von Trägern


© Dieter Schütz/PIXELIO

© Dieter Schütz/PIXELIO

Die Meldungen über Gewalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in den 1950er und 1960er Jahren sind erschreckend – und gleichzeitig wenig überraschend. 8.000 bis 15.000 Kinder waren damals Misshandlungen ausgesetzt, schätzt der WDR nach intensiven Recherchen. „Gewalt in der Psychiatrie“ ist ein altes Thema, auf das bereits der „Runde Tisch Heimerziehung“ hingewiesen hat. Leider wurde diese „Opfergruppe“ bei der Aufarbeitung des Themas bis 2010 dennoch nicht berücksichtigt – und hat bisher weder eine Anerkennung ihres Leids noch eine finanzielle Entschädigung erhalten.
Dass die Betroffenen sich jetzt öffentlich wehren, ist bereits ein großer Schritt. Aber sie brauchen neben der öffentlichen Anerkennung ihres Leids auch Genugtuung. Wichtig wäre jetzt zuerst einmal eine Klarstellung durch die Bundesregierung und eine Unterstützung über die Grenzen der Institutionen hinweg. Vermutlich werden auch noch Menschen ihre Erfahrungen öffentlich skandalisieren, die als Kinder oder Jugendliche in Einrichtungen der Behindertenhilfe untergebracht wurden. Weiterlesen »