Bußgeld, weil „Die Super Nanny“ (RTL) gegen Menschenwürde verstößt

DKSB begrüßt Entscheidung der Kommission für Jugendmedienschutz


Immer wieder schlägt die Mutter zu. Auf dem Sofa liegt, ja krümmt sich ihre fünfjährige Tochter. Es solle sich anziehen, schreit die Mutter verzweifelt. Fast schon apathisch ist das Mädchen,  kann kaum noch weinen. Mit leiser dramatischer Musik unterlegt, wird diese Szene einige Male wiederholt – bis endlich nach einer gefühlten Ewigkeit die Heldin erscheint und sich empört. Keine Szene aus einem Hollywood-Thriller, sondern aus einer Folge „Die Super Nanny“ vom 5. Mai letzten Jahres. Eine Sendung mit “unerwünschten Nebenwirkungen” für RTL.

Die Kommission für Jugendmedienschutz  (KJM) (Quelle: Pressemitteilung der KJM) hat diese Folge mit einem Bußgeld in Höhe von 30.000 Euro belegt, da das „Kind in seinem sozialen Achtungsanspruch verletzt und zum Objekt der Zurschaustellung degradiert“ wird, so die Begründung der Entscheidung. Das Angebot stelle einen Menschenwürdeverstoß dar. RTL hat sogleich dagegen Rechtsmittel eingelegt.

Der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB), insbesondere der Landesverband NRW, setzt sich schon seit ihrer ersten Ausstrahlung im Jahr 2004 kritisch mit der „Super Nanny“ auseinander. Von Beginn an lehnte er die entwürdigende Zurschaustellung kindlichen Problemverhaltens zur Unterhaltung der Öffentlichkeit ab (hier die Stellungnahme aus dem Jahr 2004). Ferner bezweifelt er den langfristigen Nutzen der relativ kurzen Anwesenheitsphase der Pädagogin Katia Saalfrank. Eher ist zu befürchten, dass die in der „Super Nanny“ gezeigten Kinder und Eltern stigmatisiert werden. Darauf deuten jedenfalls zahlreiche abwertenden Zuschaueräußerungen im Internet über ehemalige Protagonisten hin. Viele namhafte Erziehungswissenschaftler und Kinderpsychologen teilen diese Auffassung.

Wenn aber ein Kind vor laufender Kamera geschlagen wird, verschärft sich die Problemlage. Seit 10 Jahren ist das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung im Bürgerlichen Gesetzbuch (1631 Abs.2 BGB) verankert. Vor bereits 20 Jahren hat die Bundesrepublik die UN-Kinderrechte-Konvention unterzeichnet. Darin verpflichten sich Staat und Gesellschaft, das „Kind vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung, Schadenszufügung oder Mißhandlung, vor Verwahrlosung oder Vernachlässigung, vor schlechter Behandlung oder Ausbeutung einschließlich des sexuellen Mißbrauchs zu schützen“ (Art.19 Abs. 1 UN-KRK).

So ließen sich noch mehr juristische Vorgaben anführen, die Hinweise geben, wie Erwachsene, auch Journalisten, sich eigentlich schützend vor Kinder stellen sollten. Das Kamerateam hätte „Stopp“ sagen können, als die Mutter wiederholt ihre kleine  Tochter schlug. Das hätte dem wehrlosen Kind unmittelbar geholfen. Doch das geschah nicht, da die Fernsehleute dann keinen Film gehabt und vielleicht ihren Job verloren hätten. Offenbar konnten die anwesenden Erwachsenen die Not des Kindes nicht nach menschlicher Vernunft einschätzen und kannten ihre eigenen Rechte und die des Kindes nicht. Dass solche Filmaufnahmen vergleichbar seien mit dem „Entstehen von Bildern aus Krisengebieten, wo ebenfalls Berichterstattung geschieht“, wie „Super Nanny“ Katia Saalfrank sagt, ist aber Unsinn (Quelle: Bild-Zeitung). In Krisengebieten riskieren Journalisten ihr Leben und kein Mensch erwartet, dass sie einen Krieg oder eine Flutkatastrophe bändigen.

Frau Saalfrank behauptet weiter: „Wenn wir jetzt diskutieren, dass die Offenlegung einer Misshandlung von Kindern im Fernsehen nicht angemessen ist, dann verschließen wir die Augen und schauen weg, vergessen diese Kinder, die Hilfe brauchen, bagatellisieren und tabuisieren.“ Das ist in allen Punkten falsch. Eine Diskussion ist in einer Demokratie immer erlaubt. Das wiederholte und mit dramatischer Musik unterlegte Zeigen einer Misshandlung ist auch keine „Offenlegung“ (was Frau Saalfrank wohl mit investigativer Berichterstattung gleichsetzen möchte) und ist sehr wohl unangemessen. Etwas nicht zu zeigen, kann sogar Schutz von Protagonisten und Zuschauer bedeuten und ist kennzeichnend für die Arbeitsweise von Beratungsstellen und familienaufsuchenden Hilfen. Und: Kritik an Art und Weise der Darstellung bei der „Super Nanny“ bedeutet keineswegs, dass bagatellisiert und tabuisiert werden soll. Das häufige Zeigen von Hilflosigkeit und Misshandlung kann ebenso bagatellisieren, weil es abstumpft.

Es geht auch anders. Bei alldem darf nämlich nicht vergessen werden, dass hier eben nicht nur „dokumentiert“ wird. Das Setting der Super Nanny ist eine Erfindung von Dramaturgen und Producer. Ohne diese Sendung wäre Frau Saalfrank eine völlig unbekannte Pädagogin (Lebenslauf), die niemals fremde Wohnungen betreten würde (im Gegensatz zu qualifizierten Familientherapeuten).

Wenn es RTL tatsächlich um den Schutz von Kindern ginge, darf Gewalt gegen sie nicht zugelassen werden. Dazu benötigen die anwesenden TV-Team-Mitglieder fachliche Kenntnisse. Die Produktion und Frau Saalfrank sollten das jeweilige lokale öffentliche und private Hilfesystem einbeziehen, es nicht abwerten und den Familien die Angst davor nehmen. Familien, in denen Gewalt oder Missbrauch vorkommt, sollten an professionelle Helfer weiter vermittelt werden, statt im Fernsehen als „Beweis“ zu dienen.

Die UN-Kinderrechte gestehen dem Kind zudem den Schutz „vor willkürlichen oder rechtswidrigen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung oder seinen Schriftverkehr oder rechtswidrigen Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes“ zu (Art. 16 Abs.1 UN-KRK). „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ lautet der erste Satz des Grundgesetzes (Art.1 GG). RTL fordert selbst, „einheitliche und verbindliche Maßstäbe zu entwickeln und festzulegen, auf welcher Grundlage Verletzungen der Menschenwürde festgestellt werden können“ (Quelle: Bild-Zeitung). Der DKSB hilft gerne dabei weiter.

Am 07.Mai 2011 hat die Bundesmitgliederversammlung des DKSB eine Resolution verabschiedet, die einen besseren Schutz von Kindern in TV-Produktionen fordert. Produktionsverantwortliche sollten sich u.a. mit den UN-Kinderrechten vertraut zu machen. Hier geht es zur DKSB-Webseite mit dem Download.

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2 Kommentare

  1. Erna Mustermann sagt:

    Seit es die Sendung ” Die Super Nanny” gibt, vertrete ich die Meinung, dass das Zur Schaustellen der Kinder krank ist und krank macht. Ich bin seit 25 Jahren Erzieherin in einem Kindergarten, habe zwei eigene Kinder und kann durch meine Ausbildung und Erfahrung sagen: Kinder leiden unter jeder Art von Bloßstellung, schon in den manchmal ” unwesentlichen ” Situation ( aus Erwachsenenperspektive). Wie kann sich eine Sendung auf Kosten der schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft so lange halten ?????? Tja, weil gutes Fernsehen niemand mehr sehen will, nur Action, Superhelden, Gewalt u. u. u.sw.Wer fängt endlich mal an STOPP zu sagen?

  2. Miriam Bartsch sagt:

    Habe gerade beim rumzappen zufällig die “Supernanny” eingeschaltet. Dort wurde, dramatisch mit Signalleuchten und entsprechender Musik gezeigt, wie ein kleines Mädchen zu seinem eigenem Schutz der Familie entzogen wurde. Wie krank ist unsere Gesellschaft, dieses Kind, welches ein Schicksal erleidet, das sein ganzes zukünftiges Leben mit entscheidet, derart öffentlich zur Schau zu stellen? Wie krank sind die Entscheider bei RTL, wie kann sich einer dieser Menschen noch selbst im Spiegel anschauen, Danke für die Quote, dieser kleine Mensch ist kaputt und alle dürfen es sehen, weil wir ja die Supernanny hingeschickt haben, die für die paar Minuten zwischen der froopjoghurtwerbung die Welt wieder ins Gerade gerückt hat. Was danach mit dem Kind geschieht, allein, wenn es versteht, was da damals geschehen ist, als all die netten Fernsehmenschen mal kurz da waren. Frau Saalfrank, ich bin diplomierte Sozialpädagogin und begleite Frauen, die nicht in der Lage sind, ihre Kinder vernünftig aufzuziehen, Frauen, denen, zu Recht, das Kindeswohl entzogen wurde. Niemals, niemals!!! würde ich diese Frauen und auch ihre Kinder der Medienpräsenz aussetzen, wie kann man Erwachsene wie auch Kinder derart blossstellen, es ist derart entwürdigend, sowohl für die Hilfesuchenden wie auch die helfenden Personen, ich weiß aus eigener Lage, dass Menschen in unseren Positionen finanziell schlecht entlohnt werden, aber dieser Misere auf solche Art entgegen zu wirken, indem man sich auf Kosten unserer Kliebten prostituiert, und erzählen Sie mir nicht, dass Ihre Art von Arbeit irgendwem außer Habenseite Ihres Girokontos zugute gekommen wäre. Es ist einfac´h nur empörend, mir war nach diesem kurzen Einblender zwischen zwei Werbeblöcken derart schlecht, dass ich mir Luft verschaffen musste, wirklich, Sie “Supernanny” schämen Sie sich!

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