Besserer Schutz von Kindern in öffentlichen Einrichtungen

Kontrolle ist gut – Beteiligung ist besser!


Kinder haben Rechte – auch in stationären Einrichtungen, Foto: DKSB/Susanne Tessa Müller

Erziehung in öffentlichen Einrichtungen ist ins Gerede geraten – zurecht. Auch wenn die meisten Akte von Gewalt gegen Kinder (sowohl körperliche als auch sexuelle) im Privaten, in Familien, stattfinden, sind auch die sozialen Institutionen in die Kritik geraten. Auslöser waren vor allem die Berichte ehemaliger Heimkinder, die in den 1945 bis 1970er Jahren in Erziehungsheimen lebten. Welche Schlußfolgerungen können für besseren Schutz von Kindern in dieser Lebenslage gezogen werden?

Ende 2010 hat der „Runde Tisch Heimerziehung“ seinen Abschlußbericht vorgelegt und bestätigte damit das Leid und Unrecht, unter dem viele Kinder und Jugendliche leiden mussten. Die damals an „kollektivistischen Erziehungsvorstellungen orientierte Erziehung ging mit einer weit reichenden Missachtung von Kinderinteressen einher“, heißt es darin. Oft wurden Heimeinweisungen unzureichend begründet, wie mit dem Besuch eines Rockkonzertes, langen Haaren bei Jungen oder zu kurze Röcke der Mädchen. Jugendliche wurden nicht angehört und den Eltern das Sorgerecht entzogen. Bis zur Volljährigkeit wurden Kinder in einem geschlossenen Heim untergebracht. Eine berufliche Förderung war unzureichend oder gab es gar nicht. Disziplin, Ordnung und Angepasstheit spielten die Hauptrolle. Der Alltag im Heim war zum Teil sehr gewalttätig und demütigend – so bezeugen es ehemalige Heimkinder selbst und die Akten der Einrichtungen. Für das Rheinland siehe hierzu eine Studie des Landschaftsverbandes Rheinland (Zusammenfassung).

Sind diese Zustände Vergangenheit? Wie sieht es heute aus? Die Soziale Arbeit hat sich in den letzten 40 Jahren stark weiter entwickelt, Erziehungsansichten wurden modernisiert und die Ausbildung von Erzieher/innen hat sich professionalisiert. Und doch werden immer wieder Fälle von Missachtung und körperlicher wie sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche bekannt. Ob in Schulen, Internaten, Ferienhäusern, Sportvereinen und Erziehungseinrichtungen – die Verletzungen körperlicher, psychischer wie sexueller Selbstbestimmung sind erschreckend. Gerade dort, wo Mädchen und Jungen vor erlittener Gewalt geschützt sein sollten, werden ihre Rechte verletzt und missachtet.

Man kann nach mehr Kontrolle der Einrichtungen rufen. Doch diese gibt’s bereits: Jugendamt und Landesjugendamt kontrollieren als Leistungsträger neben der allgemeinen Betriebserlaubnis auch die laufende Umsetzung der Erziehungskonzepte. Kinder und Jugendliche können sich hier beschweren, wenn sie sich ungerecht behandelt oder schikaniert fühlen. Doch in der Praxis tun sie dies nur sehr selten. Warum eigentlich? Wahrscheinlich misstrauen sie dieser Institution grundsätzlich oder haben – ob zurecht oder unrecht – Angst vor Zurückweisung. Das Jugendamt ist aus Sicht der Mächen und Jungen oft kein vertrauensvoller Ansprechpartner.

Ich möchte hier nicht den Eindruck vermitteln, dass überhaupt keine Beteiligungsmöglichkeiten in den Einrichtungen bestehen. Nur sind diese oft nicht ausgeprägt oder auf den Freizeitbereich beschränkt: „Da haben wir dann die Möglichkeit zwischen dem einen Ort und dem anderen zu entscheiden. Und das war’s dann“, so ein 14jähriges Mädchen aus einer Mädchenwohngruppe. Aspekten des Heimalltags und Heimlebens (Tagesstruktur, Pflichten, Regeln) werden größere Bedeutung beigemessen. Die Kinderrechte sind oft nur sehr rudimentär bekannt – sowohl den Kindern als auch den Mitarbeiter/innen.

Obwohl die Beteiligung (Partizipation) von Kindern seit nunmehr 20 Jahren im Kinder- und Jugendhilfegesetz festgeschrieben ist, obwohl ihre Mitwirkung in immer mehr Leistungsbeschreibungen zwischen Trägern und Jugendämtern Bestandteil ist  und obwohl immer deutlicher wird, dass die Zufriedenheit der Kinder – ja der gesamte Erfolg einer Erziehungsmaßnahme – entscheidend von Umfang und Qualität der Beteiligung der Kinder abhängt, werden demokratische Strukturen sehr zurückhaltend gehandhabt.

Was ist zu tun? Es bietet sich eine Möglichkeit an, die vor allem im Zusammenspiel mit vorhandenen internen Beschwerdesystemen wirksam ist: eine externe und unabhängige „Beschwerde-, Ombuds- oder Schiedsstelle“. Sie bildet eine Anlaufstation für Kinder und stärkt ihre subjektiven Rechte. Sie befähigt sie zur demokratischen Beteiligung in den Einrichtungen. Selbstverständlich geht das nur in Zusammenarbeit mit den Einrichtungen selbst.

Es gilt aufzuarbeiten und nachzuholen – für die Einrichtungen als auch für die Jugendämter. Gute und gelingende Praxisbeispiele für Partizipation von Kindern gibt es bereits, sie sind aber selten. Wichtig ist hier auch der gemeinsame Entwicklungsprozess. Dieser kann in einer Einrichtung zu einem selbstverständlicherem Umgang mit Rechten und einer Beteiligungskultur führen. Hier beispielhafte Materialien der Evangelischen Jugendhilfe Schweicheln.

Kreativität, Geduld und fachliche Unterstützung sind gefragt. Hier setzt das Modell-Projekt des DKSB Landesverbandes NRW„geRECHT in NRW“ an. In Zusammenarbeit mit pädagogischen Einrichtungen (in Köln und Essen) erarbeitet ein dreiköpfiges Team beim DKSB LV NRW ein Beschwerdeverfahren, das allen Kindern und Jugendlichen (und auch den Mitarbeiter/innen selbst) in den beiden Modellstädten offen stehen soll. Über Telefon und Email nimmt das Team Meldungen auf. Anschließend wird das Kind oder der Jugendliche zeitnah in seiner Einrichtung aufgesucht. Gemeinsam mit ihm wird dann geklärt, welche Unterstützung gewünscht und notwendig ist oder wer hinzugezogen werden muss (z.B. bei Kindeswohlgefährdung).

Ziel von geRECHT in NRW ist es, eine unabhängige Instanz zu entwickeln. So sollen Kinderrechte, Partizipation und Kinderschutz auch für Kinder in Einrichtungen besser zusammen wirken.

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