Diskussion um die Revision des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz)

Restzeiten-Betreuung ist keine Tagespflege


Leider passiert es immer wieder: Erwachsene begründen die Befriedigung eigener Bedürfnisse mit dem Wohl der Kinder. Diesmal geht es um das umstrittene Kinderbildungsgesetz NRW (KiBiz). Zur Zeit diskutieren in Nordrhein-Westfalen verschiedene Verbände – darunter der Deutsche Kinderschutzbund Landesverband NRW (DKSB LV NRW) die Revision des KiBiz – auch bei der Kindertagespflege. Nach derzeit gültiger Rechtslage dürfen bis zu acht Kinder in einer Pflegestelle betreut werden. Von diesen sollen nur fünf gleichzeitig anwesend sein. Ob diese Vorgabe tatsächlich eingehalten wird, ist zweifelhaft. Daher ist zu begrüßen, dass es zukünftig bei fünf Kinder bleiben soll. Aus dem „Forum Förderung von Kindern“ werden dagegen Stimmen laut, es bei der alten Regelung zu lassen.

Kinder brauchen eine qualitativ gute Betreuung
Kinder brauchen eine qualitativ gute Betreuung, Foto: DKSB, Susanne Tessa Müller

Das „Problem“ bilden in der Diskussion die „zusätzlichen“ drei Kinder pro Kindertagespflegestelle, im Laufe des Tages also acht Kinder insgesamt. Nicht übersehen werden darf, dass auch noch die leiblichen Kinder der im Gesetz so genannten Tagespflegepersonen hinzukommen können. Wer sollte die jeweilige Zahl tatsächlich anwesender Kinder prüfen? Durch Sparmaßnahmen dezimierte Aufsichtsbehörden wohl kaum. Vor allem aber sollte es um den eigentlichen Auftrag der Tagespflege gehen.

Das Kinder- und Jugendhilfegesetz sagt, kurz zusammengefasst, dass die Tagespflege – insbesondere für Kinder unter drei Jahren – die gleichen Erziehungs- und Bildungseffekte erzielen soll wie Tageseinrichtungen für Kinder (KiTas). Diese Ziele beschreiben Bundes- und Landesgesetz sehr anspruchsvoll. Dafür braucht es qualifizierte und gut bezahlte Tagespflegepersonen, ausreichende Beziehungszeit zwischen Kind und Pflegeperson und einen angemessenen Personalschlüssel.

Tagespflegepersonen sind keine Fachkräfte im Sinne des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, müssen aber persönlich spezifisch geeignet sein. Verbindlichere Qualifizierungsstandards soll es aber erst nach der Reform des KiBiz geben. Zur Zeit besteht noch viel Spielraum für subjektive Einschätzungen der zuständigen Jugendämter für die Erteilung von Pflegeerlaubnissen.

Man darf sich überhaupt erst “Tagespflegeperson“ nennen, wenn man wöchentlich mindestens 15 Stunden für die anvertrauten Kinder im Einsatz ist. Formal ist damit noch keine Vergleichbarkeit mit dem Angebot in KiTas gegeben, denn dort müssen die Fachkräfte wenigstens 25 Stunden mit den Kindern zusammen sein. Vielleicht ließe sich dieser Unterschied damit rechtfertigen, dass die Tagespflegeperson mit einer deutlich geringeren Kinderzahl arbeiten soll. Doch je höher die Kinderzahl, desto fragwürdiger der Zielanspruch.

Klar ist: Berufstätige Eltern von Kindern zwischen einem Jahr und Einschulung benötigen Betreuungszeiten, die auch zu ihren Arbeitsplätzen passen. Das ist mit einer starren Nutzungszeitenkontingentierung von 25, 35 oder 45 Stunden gemäß heutigem KiBiz nicht in jedem Fall passgenau hinzukriegen. Die Befürworter der 8-Kinder-Regel argumentieren: Wenn die „ordentlichen“ Tagespflegekinder, die keinen Platz in einer Einrichtung haben, nach Hause gegangen sind, dann können doch noch die Rest- oder Randzeitenkinder kommen, bei denen das starre Angebot der Kita nicht gepasst hat. Der Bedarf nach weiteren Betreuungsmöglichkeiten außerhalb der der KiTa ist also eine Interessenlage Erwachsener.

Klar ist aber auch: Tagespflegepersonen werden für ihren Einsatz pro Kind vergütet. Mehr Kinder bringen einen höheren Verdienst. Auch dabei geht es um die Interessen Erwachsener.

Dazu sagt der DKSB: Kinder haben ein Recht auf die im Gesetz vorgesehenen Förderleistungen  -  egal, ab sie die KiTa oder eine Tagespflegestelle besuchen. Das Kindeswohl wird bestimmt durch Kontinuität, Beziehungsdichte, eine vertraute Umgebung – das heißt Verlässlichkeit und Geborgenheit. Kinder, die mehrmals täglich ihren Aufenthaltsort und ihre Bezugpersonen wechseln müssen, sind benachteiligt. Die Interessen der Kinder sind eben nicht identisch mit denen der Erwachsenen.

Daraus folgert:

  • Tagespflege ist ein qualifiziertes Förderinstrument, das mehr ist als Verwahrung.
  • Tagespflege und Kindertageseinrichtungen sind gesetzliche Alternativen und keine beliebigen Puzzleteile frühkindlicher Förderung.
  • Es muss individuelle und bedarfsgerechte Öffnungszeiten in Kitas geben.
  • Rest- oder Randzeitenbetreuung ist keine Tagespflege! Sie ist allenfalls als Notbehelf akzeptabel, solange es keine kinderfreundlichen Gesetzeslösungen gibt. Aber Achtung: Solche Notlösungen dürfen nicht zu Dauerlösungen zu Lasten der Kinder werden.
  • Solange aber solche Rest- oder Randzeitenbetreuungsverhältnisse existieren, muss es dafür verbindliche Standards geben. Dazu gehört eine spezifische Qualifizierung von „Randzeitenbetreuungspersonen“. Die Kita des Kindes muss vorrangiger Betreuungsort sein. Das Land und die öffentliche Träger der Kinder- und Jugendhilfe müssen Vergütungsstandards für diese Betreuungsform vereinbaren. Besser wäre allerdings, Öffnungszeiten der Kitas dem individuellen Bedarf anzupassen.

Wenn Einzelstimmen sich lautstark für die Beibehaltung der 8-Kinder-Regel einsetzen, dann liegt ihnen mehr am Wohl Erwachsener als am Wohl von Kindern. Sowohl der Deutsche Verein für öffentliche Fürsorge, der Gesamtverband des Paritätischen, der DKSB Bundesverband und der DKSB LV NRW  sprechen sich in fachlich fundierten Stellungnahmen gegen die Betreuung von mehr als fünf Kindern über Tag in einer Tagespflegestelle aus. Der DKSB LV NRW freut sich, dass das Land Nordrhein-Westfalen diesen Einsichten folgt.

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1 Kommentar

  1. Antje Beierling, VAMV LV NRW e.V. sagt:

    Ich stimme zu. Kindertagespflege hat ein eigenständiges Profil und ist kein Notstopfen für mangelhafte andere Kinderbetreuungsangebote. Tagespflegepersonen werden nicht qualifiziert, um Randzeiten von Kindertageseinrichtungen, von Offenen Ganztagsschulen oder weiterführenden Schulen abzudecken. Die Kindertagespflege ist, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, ein qualifiziertes, familienähnliches Förderangebot für Kinder unter drei Jahren mit einer verlässlichen Bindungsperson, einer kleinen überschaubaren Gruppe und der Bereitschaft und Möglichkeit auf individuelle Bedarfe der Kinder zu reagieren.

    Der Bundesgesetzgeber hat vorgegeben, dass eine Tagespflegeperson maximal 5 fremde Kinder gleichzeitig aufnehmen kann. In der Regel sind es Kinder zwischen einem und drei Jahren. Selbstverständlich haben auch Tagespflegepersonen einen Erziehungs- und Bildungsauftrag, müssen die Entwicklung der Kinder beobachten und dokumentieren. Diese Bildungsdokumentationen sind auch in der Kindertagespflege Grundlage für Elterngespräche, die in Zeiten, in denen keine Kinder gefördert, durchgeführt werden müssen.

    Die Erziehung, Bildung und Bereuung von 5 Kindern unter drei Jahren mit der dazugehörigen Elternarbeit ist eine große Herausforderung für Tagespflegepersonen, da sie in der Regel keine festen Öffnungszeiten haben, sondern flexible Betreuungszeiten anbieten. Das bedeutet oft ein Arbeitstag von morgens 7.00 Uhr bis zum frühen Abend. Zusätzlich drei Randzeitenkinder – wie es zurzeit das KiBiz noch zulässt – verlängern die täglichen Arbeitszeiten, lassen weniger Raum für Elterngespräche und verändern die Kindergruppe.

    Randzeitenkinder kommen nicht im Anschluss an die Betreuung der unter dreijährigen, sondern auch dann, wenn die Kleinen auch noch Betreuung brauchen. Längere Öffnungszeiten brauchen Kinder ja nicht nur nach dem dritten Lebensjahr. Wenn die Randzeitenkinder nicht gebracht werden, muss die Tagespflegeperson mit zwei, drei oder vier Kindern unter drei Jahren zur Kita oder OGS marschieren, um das Kind abzuholen. Sicherlich keine optimale Fördersituation für die Kleinen.

    Aber der Bedarf ist groß! Eltern und insbesondere Alleinerziehende, die im Schichtdienst, am Wochenende oder im Dienstleistungsbereich arbeiten brauchen ein kompatibles Betreuungs- und Förderangebot für ihre Kinder, damit sie die Existenz der Familie sichern können. Dazu brauchen wir Kindertageseinrichtungen und Schulen, die ein bedarfsgerechtes Angebot vorhalten und Arbeitgeber, die familienfreundliche Arbeitsplätze, die Rücksicht auf Familienbedürfnisse nehmen, zur Verfügung stellen.

    Für den Übergang müssen Lösungen gefunden werden. Die Kindertagespflege steht dafür nicht zur Verfügung. Wir brauchen für die Randzeiten qualifizierte Frauen und Männer, die möglichst in die Kitas, in die Schulen oder in die Haushalte der Kinder gehen und dort den Tag mit den Kindern ausklingen oder ihn dort langsam beginnen lassen. Und wir brauchen in den Kommunen Entscheidungen, dieses Angebot entsprechend zu vergüten.

    Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter Landesverband NRW hat 18 Jahre Erfahrung in Essen mit der qualitätsvollen Auf- und Ausbau der Kindertagespflege und mit der Koordination von Notfallbetreuungen. Auf dieser Grundlage könnte der VAMV NRW ein Modell entwickeln, das eine qualifizierte Randzeitenbetreuung übergangsweise ermöglicht.

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